26/10/2026
Raumakte Nr. 13
DAS TAL DER PUPPEN
Daniel war über einen früheren Kunden auf Anna gekommen. Der hatte ihm erzählt, dass ihre Arbeit mit Feng Shui ziemlich wenig mit dem zu tun hatte, was Daniel darunter verstand. Ganz fremd war ihm das Thema trotzdem nicht. Seine Exfrau Eva hatte viele Jahre zuvor einen Feng-Shui-Wochenendkurs besucht und danach einiges in der gemeinsamen Wohnung verändert. „Eigentlich ist die Wohnung schön“, hatte Daniel am Telefon gesagt. „Aber seit einiger Zeit fühlt sie sich für mich nicht mehr richtig an.“
Als Anna klingelte, öffnete ihr ein Mann Anfang fünfzig. Jeans, dunkles Hemd, Brille. Hinter ihm lag ein kleiner, ordentlicher Eingangsbereich. Erst das Display neben der Tür und ein Sensor unter der Decke passten zu dem Bild, das sie sich von ihm gemacht hatte. Techniker. Wahrscheinlich einige Bildschirme, viele Kabel und ein Smart Home, das mehr konnte als nötig. „Du arbeitest zwei Tage die Woche von zu Hause?“ „Ja. Den Rest bin ich in der Firma.“ „Und was stört Dich hier?“ Daniel überlegte. „Genau das weiß ich nicht. Ich nutze manche Räume anders als früher, sitze viel im Wohnzimmer und schlafe nicht besonders gut. Es fühlt sich irgendwie nicht mehr nach Feierabend an.“
Aus dem Wohnbereich kam eine Frauenstimme. „Guten Morgen, Anna.“ Anna sah auf. „Guten Morgen.“ Dann blickte sie Daniel an.
„Ich dachte, Du wohnst allein.“ „Im Prinzip schon.“ „Im Prinzip?“ „Komm.“
Am Esstisch saß eine Frau mit schulterlangen braunen Haaren, Jeans, hellem Shirt und Strickjacke. Ungefähr in Daniels Altersklasse, gepflegt, aber nicht auffällig schön. Anna grüßte sie und sah erst beim zweiten Blick genauer hin. Die Kopfbewegung war einen Hauch zu gleichmäßig. Der Blick blieb eine Spur zu lange stehen. Daniel bemerkte es. „Du hast es gesehen.“
„Ich weiß noch nicht, was ich gesehen habe.“ „Das ist Clara.“ „Hallo Clara.“ „Hallo Anna.“
Daniel ergänzte: „CL-R4.“ „Das hilft mir überhaupt nicht.“ „Ein Prototyp.“ Clara antwortete selbst: „Ich bin ein humanoider KI-Prototyp.“ Anna schwieg kurz. „Das wäre am Telefon durchaus erwähnenswert gewesen.“ Daniel grinste. „Dann hättest Du Dich nur auf sie vorbereitet.“
„Und jetzt muss ich erst einmal verstehen, was hier überhaupt passiert.“
Clara lebte seit sechs Monaten bei Daniel. Der Feldtest war auf neun Monate angelegt. Daniel arbeitete drei Tage in der Firma und zwei im Homeoffice. Clara blieb auch allein in der Wohnung und fuhr nur gelegentlich für Checks und Updates mit in die Firma. „Warum eigentlich eine Frau?“ „Nicht meine Entscheidung. Wir testen männliche und weibliche Modelle. CL-R4 gehört zu meiner Testreihe.“ „Du hast sie also nicht ausgesucht?“ „Nein. Weder Geschlecht noch Aussehen.“ Damit war für Anna zumindest eines geklärt. Hier hatte kein geschiedener Mann seine künstliche Wunschfrau bestellt.
„Was kann sie?“ „Sprechen, lernen, Gespräche speichern, Routinen erkennen. Außerdem ist sie mit dem Smart Home verbunden.“ „Licht, Heizung, Rollläden, Staubsauger?“ „Unter anderem.“ „Alexa?“
Daniel lachte. „Brauche ich kaum noch.“ „Ich kann die Kaffeemaschine einschalten“, sagte Clara. Anna sah sie an. „Dann nehme ich einen mit Milch.“ „Anna trinkt ihren Kaffee mit Milch“, sagte Clara zu Daniel. „Das habe ich gehört.“ „Ich wollte sicherstellen, dass die Information berücksichtigt wird.“ Anna musste lachen. „Sehr aufmerksam.“
Während Daniel den Kaffee holte, sah sie sich um. Die Wohnung war warm und gemütlich eingerichtet. Vorhänge, Teppich, Bilder, schöne Leuchten, eine Couch mit erstaunlich vielen Kissen. An einigen Möbeln fielen Anna scharfe Ecken auf. Nichts Dramatisches, aber auch solche Dinge gehörten für sie zum Thema Feng Shui und nicht nur Farben und Himmelsrichtungen.
Als Daniel zurückkam, zeigte Anna auf die Couch. „Die Kissen waren nicht Deine Idee.“ „Kein einziges.“ „Eva?“ „Natürlich.“ Eva hatte fast die gesamte Wohnung eingerichtet. Nach ihrem Feng-Shui-Kurs hatte sie Farben gewählt, Möbel verschoben und neu dekoriert.
Die Trennung kam erst Jahre später. Eva verliebte sich in einen Arbeitskollegen und merkte dabei, dass sie und Daniel schon lange kaum noch gemeinsame Interessen hatten. Kinder gab es keine.
Heute verstanden sie sich wieder gut. „Zweimal die Woche im Durchschnitt“, sagte Clara. Daniel sah sie an. „Das muss Anna nicht wissen.“ „Sie hat nach Eurem Kontakt gefragt.“ Anna grinste. „Praktisch. Scheidung mit Statistik.“
Im Arbeitszimmer fand sie dann den Daniel, den sie erwartet hatte. Drei Bildschirme, Geräte, offene Kabelkisten, Adapter, Steckerleisten. An einer Wand stand Claras Ladestation. Anna blieb in der Tür stehen. „Ah. Da ist der Raum, den ich am Telefon erwartet hatte.“ Daniel grinste. Sie ging um den Schreibtisch.
„Den hat Eva so gestellt?“ „Nach meiner guten Himmelsrichtung.“ Anna nickte. „Da hattest Du Glück. Du sitzt gleichzeitig vernünftig im Raum. Rücken geschützt, Blick zur Tür.“ „Also richtig?“ „An dieser Stelle ja.“ Mehr sagte sie zunächst nicht. Sie sah nur, dass Daniels Arbeitsplatz inzwischen kaum noch von der Testtechnik zu trennen war.
Im Schlafzimmer war Evas Handschrift noch deutlicher. Warme Farben, Vorhänge, gepolstertes Bett, zwei Nachttische. Nur das Bett selbst war ungemacht. Auf dem Boden lagen eine schwere Tagesdecke und mehrere Dekokissen. Anna strich mit dem Finger über das oberste. „Die liegen schon länger.“ „Kann sein.“ Sie zeigte ihm den Staub. „Die sind inzwischen eher Archivmaterial.“ Daniel lachte. „Eva hat das morgens alles schön gemacht. Ich habe dazu keine Lust. Eine Hälfte des großen Kleiderschranks war gefüllt, die andere fast leer, gab er nach Nachfrage zu. „Ihre Seite?“ „Ja.“ „Seit vier Jahren?“ „Ja.“ Anna ließ es stehen.
Zurück im Wohnzimmer fiel ihr die leere Ecke neben der Balkontür auf. Abdrücke im Teppich verrieten, dass dort einmal etwas gestanden hatte. „Was war hier?“ „Mein Sessel.“ „Noch etwas?“ „Tischchen und Leselampe.“ „Wo ist das jetzt?“ „Im Keller.“
„Warum?“ Daniel sah kurz zu Clara. „Am Anfang brauchten wir dort mehr Bewegungsfläche. Für die Sensorik war der Bereich auch gut.“
Anna öffnete die Balkontür. „Und den Balkon nutzt Du noch?“ Daniel verzog das Gesicht. „Kaum.“ „Warum?“ „Die Nachbarn.“ „Was ist mit denen?“ „Zweimal saßen wir draußen. Danach wusste das halbe Haus, dass ich angeblich eine neue Freundin habe.“
„Schnelle Hausgemeinschaft.“ „Eine Nachbarin hat sogar Eva gefragt, ob sie die Neue schon kennengelernt hat.“ „Und seitdem versteckt Ihr Euch?“ „So würde ich es nicht nennen.“ „Wie würdest Du es nennen?“
Daniel zuckte mit den Schultern. „Drinnen bleiben.“ Früher hatte er in seinem Sessel fast jeden Abend gelesen, nach draußen geschaut und manchmal einen Wh**ky getrunken. Seit Clara da war, stand der Sessel im Keller und Daniel blieb meistens drin.
Später saßen sie wieder am Esstisch. „Worüber redet Ihr eigentlich?“ „Über alles.“ „Nicht nur Arbeit?“ „Nein. Filme, Musik, Nachrichten. Eva. Mein Bruder. Sachen, die mich beschäftigen.“ Daniel machte eine Pause. Clara wartete. Anna sah zu ihr.
„Das ist übrigens ziemlich angenehm“, sagte Daniel. „Was?“ „Sie wartet.“ „Bis Du fertig bist?“ „Genau.“ Anna wandte sich an Clara. „Du unterbrichst ihn nie?“ „Nein.“ „Bist Du manchmal gelangweilt?“ „Nein.“ „Abgelenkt?“ „Nein.“ „Keine Lust auf ein Thema?“ „Nein.“
Daniel nahm seine Tasse. „Jetzt weißt Du, warum ich sie mag.“ Anna sah ihn an. „Du weißt aber schon, dass sie dabei nichts empfindet.“ „Natürlich.“ Clara antwortete ruhig: „Ich empfinde keine Gefühle im menschlichen Sinn.“ Daniel nickte. „Ich weiß genau, was sie ist.“
Anna glaubte ihm das. Das Problem war nicht, dass Daniel Clara für einen Menschen hielt. Es war eher die Frage, wie viel Menschliches er ihr inzwischen trotzdem zugestand.
Nachdem Anna alles gesehen hatte, gingen sie noch einmal allein durch die Wohnung. „Was denkst Du?“ „Dass hier erstaunlich viel stimmt.“ Daniel sah enttäuscht aus. „Dafür habe ich Dich nicht bestellt.“
„Geduld. Die Farben passen zu Dir, der Schreibtisch steht gut, der Wohnbereich hat eine vernünftige Basis.“ „Und was stimmt nicht?“ Anna sah Richtung Schlafzimmer. „Eva ist vor vier Jahren ausgezogen. Ihre Kleidung ist weg. Der Rest steht noch ziemlich genau so da wie vorher.“
„Es hat mich nicht gestört.“ „Das glaube ich Dir. Aber Du hast nie wirklich entschieden, wie die Wohnung für Dich allein aussehen und funktionieren soll.“ Daniel schwieg. „Und dann kam Clara.“ Er sah Richtung Wohnzimmer. „Sie ersetzt Eva nicht. Aber sie kommt in eine Wohnung, in der die zweite Position nie wirklich verschwunden ist.
Und plötzlich fängst Du wieder an, Platz für ein Gegenüber zu schaffen.“ „Der Test braucht eben Raum.“ „Teilweise.“ Anna zeigte Richtung Wohnzimmer. „Dein Lieblingsplatz ist im Keller.“ Zum Balkon. „Etwas, das Du früher fast jeden Tag genutzt hast, nutzt Du kaum noch.“ Zum Arbeitszimmer. „Und dort weiß man inzwischen nicht mehr, wo Daniel aufhört und Clara anfängt.“
Daniel schwieg. „Das ist der Punkt. Nicht Clara. Sondern wie weit Du Dich in Deiner eigenen Wohnung nach ihr richtest.“
Ein paar Tage später kam Anna noch einmal. Clara würde noch drei Monate bleiben. Also ging es nicht darum, sie aus Daniels Alltag herauszuplanen. Die Wohnung sollte funktionieren, solange beide dort waren.
Im Schlafzimmer verschwanden die alten Dekokissen und die schwere Tagesdecke. Morgens kamen Kissen und Bettdecke in die vorhandenen Bettkästen, darüber eine einzige unkomplizierte Tagesdecke. „Zwei Minuten“, sagte Anna. „Das ist sportlich.“ „Für Dich vielleicht.“
Das Zimmer blieb gemütlich, funktionierte aber endlich so, wie Daniel tatsächlich lebte. Im Arbeitszimmer blieb der Schreibtisch an seinem guten Platz. Daniels Technik und Claras Testtechnik wurden klarer getrennt, Kabel verschwanden aus offenen Kisten, Geräte bekamen feste Plätze.
Die drei Bildschirme blieben. „Die fasse ich nicht an“, sagte Anna. „Jetzt mag ich Dich wieder.“ Ein paar scharfe Kanten in direkten Lauf- und Sitzbereichen wurden ebenfalls entschärft. Nicht als große Feng-Shui-Aktion, sondern weil Schutz eben auch im Kleinen begann.
Im Wohnzimmer holte Daniel seinen Sessel zurück. Er stellte ihn neben die Balkontür, setzte sich hinein und lehnte sich zurück. „Den habe ich tatsächlich vermisst.“ „Warum stand er dann ein halbes Jahr im Keller?“ Daniel sah zu Clara. „Weil es einfacher war.“ Anna nickte. „Für wen?“
Darauf kam keine Antwort. Tischchen und Leseleuchte kamen ebenfalls zurück. Clara bekam weiterhin Platz für ihre Bewegungen und den Test, aber nicht mehr automatisch Daniels besten Platz.
„Clara“, fragte Anna, „ist es für Dich wichtig, genau dort zu sitzen?“ „Nein.“ „Ist es für Dich unangenehm, wenn Daniel allein auf dem Balkon sitzt?“ „Nein.“ Daniel sah Anna an. „Du hast heute Spaß.“ „Nein. Ich sammle nur gerade Beweise.“ „Gegen mich?“ „Du machst es mir leicht.“
Am Ende sah die Wohnung nicht völlig anders aus. Das musste sie auch nicht. Die Farben blieben, die meisten Möbel blieben, Clara blieb. Aber Daniels Sessel war zurück, der Balkon gehörte wieder zu seinem Alltag, das Schlafzimmer funktionierte für ihn und das Arbeitszimmer sah wieder mehr nach Arbeitsplatz als nach Ersatzteillager aus. Bevor Anna ging, blieb sie an der Balkontür stehen. „In drei Monaten ist sie weg.“ „Dann ist der Test beendet.“ „Das ist die technische Antwort.“ Daniel sah zu Clara. „Die andere kenne ich noch nicht.“
Drei Monate später rief er Anna an. „Clara ist seit Montag wieder in der Firma.“ „Wie ist es?“ Es blieb kurz still. „Verdammt still.“ Anna wartete. „Ich wusste die ganze Zeit, dass sie zurückgeht. Ich hätte nur nicht gedacht, dass sie mir fehlt.“ „Clara oder das, was sie für Dich getan hat?“ Daniel schwieg. „Gute Frage.“
Ein paar Wochen später meldete er sich wieder. „Ich war gestern mit einer Frau essen.“ „Und?“ „Sie hat mich zweimal unterbrochen.“ Anna musste lachen. „Unfassbar.“ „Einmal hat sie aufs Handy geschaut. Und irgendwann hatte sie keine Lust mehr auf mein Technikthema.“
„Klingt erschreckend menschlich.“ „Genau das.“ Dann wurde er ernst. „Ich habe gedacht: Clara hätte mich ausreden lassen.“ Anna sagte nichts. „Ich glaube, ich habe mich ziemlich daran gewöhnt.“ „Woran?“ „Dass jemand immer zuhört. Nie gelangweilt ist. Nie abgelenkt. Sich alles merkt.“
„Weil Clara dafür gemacht wurde.“ „Ja.“ „Und ein Mensch nicht.“ Daniel schwieg. Dann sagte er: „Ich glaube, daran muss ich mich erst wieder gewöhnen.“ „Woran?“ „Dass ein anderer Mensch nicht nur für mich da ist.“ Mehr musste Anna dazu nicht sagen.
DIE RAUMAKTE IN KÜRZE
Das Problem:
Daniel lebt seit vier Jahren allein in der früheren gemeinsamen Wohnung, hat sie aber kaum an sein heutiges Leben angepasst. Seit Clara bei ihm wohnt, richtet er zusätzlich immer mehr Bereiche auf den Test aus und stellt dabei eigene Gewohnheiten zurück.
Die Ursache:
Die Wohnung trägt noch immer die alte Zweierstruktur aus der Ehe. Gleichzeitig bekommt Clara nach und nach Raum, obwohl viele ihrer „Bedürfnisse“ rein technisch sind. Daniel merkt nicht, wie sehr er seinen Alltag, seine Lieblingsplätze und sogar seine Nutzung des Balkons an sie anpasst.
Die Lösung:
Anna verändert nicht alles, sondern ordnet neu. Daniels Lesesessel, Tischchen und Leuchte kommen zurück. Das Schlafzimmer wird einfacher und alltagstauglicher. Im Arbeitszimmer werden Daniels Arbeitsplatz und Claras Technik klar getrennt, Kabel und Geräte geordnet und störende scharfe Kanten entschärft. Clara bleibt bis zum Ende des Tests Teil der Wohnung, aber nicht mehr auf Kosten von Daniels eigenen Plätzen.
Das Ergebnis:
Daniel nutzt seine Wohnung wieder stärker als sein Zuhause und nicht nur als Testumgebung. Als Clara drei Monate später zurück in die Firma geht, merkt er erst, wie sehr er sich auch emotional an ihre ständige Aufmerksamkeit gewöhnt hat. Die Wohnung funktioniert wieder für ihn, aber Clara hinterlässt trotzdem eine Lücke.